Tag 142 - 144: Die Westküste der Südinsel
Wir starten morgens im Nelson Lakes National Park am Lake Rotoiti, wo wir nach unserer dreitägigen Wanderung im Abel Tasman National Park übernachtet haben.
Von dort aus geht es durch die Buller Gorge und mit Stopp bei den Maruia Falls zur Westküste.
Dort fahren wir durch Westport hoch bis nach Denniston, wo sich eine ehemalige Bergbaustadt befindet. Neben alten Gebäuden sind vor allem die Überreste der Minenzüge und anderen Gerätschaften interessant. Um die hier oben abgebaute Kohle ins Tal und zum Verladehafen zu bekommen, hat man 1879 eine auch heute noch beachtliche Ingenieursleistung vollbracht: Da die Höhendifferenz von über 500 Metern auf nur 1.670 Metern Streckenlänge für eine einzige Bahn zu groß war, wurden zwei hintereinandergeschaltete selbsttätige Schrägbahnen gebaut — beladene Waggons rollten bergab und zogen dabei die leeren per Gegengewicht wieder hinauf. An der steilsten Stelle erreichte die obere Bahn ein Gefälle von 80 Prozent. Das Kohlebergwerk war von 1879 bis zu seiner Schließung 1967 in Betrieb und förderte in dieser Zeit insgesamt 13 Millionen Tonnen Kohle.
Von der industriellen Vergangenheit einmal abgesehen hat man aber auch einfach einen grandiosen Ausblick auf die Küste.
Wir folgen dem Coast Highway, der uns entlang der Westküste gen Süden führt. Die Strecke verläuft die meiste Zeit entlang der Küste, gelegentlich mit kurzen Abstechern ins Inland. Auf dem Weg bieten sich immer wieder schöne Fotomotive. Insbesondere vom Irimahuwhero Lookout hat man einen tollen Ausblick.
Beim Paparoa National Park angekommen, spazieren wir ein kurzes Stück entlang des Pororari River durch eine breite Schlucht, bis wir an einen tollen Aussichtspunkt ankommen. Man könnte dem Paparoa Track, einem erst 2020 eröffneten Great Walk, noch weitere 55 km folgen - doch leider fehlt uns dafür die Zeit. 😉
Etwas weiter südlich halten wir bei den Pancake Rocks. Diese markanten Felsen haben ihren durchaus kreativen Namen der Tatsache zu verdanken, dass sie ähnlich einem Stapel Pfannkuchen (“pancake stack”) geschichtet sind. Bei uns hätte man sie aber vermutlich eher nach einem Baumkuchen denn einem Pfannkuchen benannt. Schuld daran ist ein als Stylobedding bekanntes geologisches Phänomen: Vor rund 30 Millionen Jahren lag diese Gegend unter dem Meer, und Muschelschalen sowie andere Meeresorganismen setzten sich in Schichten auf dem Meeresboden ab — getrennt durch dünne Lagen aus Schlamm. Über Millionen Jahre verfestigte sich das Ganze zu Kalkstein; Erosion durch Wellen und Regen trug dann die weicheren Zwischenschichten ab und legte die charakteristischen Stufen frei.
Wir verbringen die Nacht am Lake Mahinapua Campground etwas südlich von Hokitika.
Am folgenden Morgen geht es ein Stück zurück gen Norden bis Hokitika und dann ins Landesinnere zur Hokitika Gorge. Hier durchschneidet der Hokitika River über eine Strecke von wenigen hundert Metern einen Hügel und zwängt sich dabei durch die nach ihm benannte Schlucht. Das besondere ist allerdings nicht die Schlucht an sich, sondern das türkisfarbene Gletscherwasser des Flusses - welches man von mehreren Hängebrücken aus wunderbar bestaunen kann. Gerade in Kombination mit hellgrauen Felsen und grünem Wald ergibt sich ein wirklich schöner Kontrast.
Anschließend fahren wir erneut durch Hokitika, wo wir uns mit Pies und einem Scone stärken, bevor uns der Glacier Highway weiter nach Süden führt.
Das Highlight der West Coast Region sind sicherlich ihre Gletscher - wobei man vermutlich sagen sollte: waren es. Denn - Achtung Spoiler - allzu viel ist von diesen nicht mehr übrig.
Nachdem wir gut weitere 130 km auf dem Coast Highway zurückgelegt haben ohne größere Siedlungen zu passieren, was weniger an mangelndem Interesse als an schlichter Geographie liegt: zwischen dem Gebirge und dem Meer bleibt kaum Platz für Siedlungen, erreichen wir Franz Josef. Die gesamte West Coast Region zählt knapp 35.000 Einwohner auf über 23.000 Quadratkilometern - so viele wie Biberach an der Riß, verteilt auf die Fläche von Mecklenburg-Vorpommern. Hier gibt es, zumindest hat man diesen Eindruck, vermutlich die höchste “Hubschrauber-pro-Einwohner-Quote” weit und breit. Denn von hier starten dutzende Touren zum Franz Josef Glacier, welcher tatsächlich nach dem ehemaligen Kaiser von Österreich benannt ist, sowie den benachbarten Gletschern. Vergeben wurde der Name 1865 vom deutschen Geologen Julius von Haast - eben jenem Haast, nach dem auch der Haast Highway und das Städtchen Haast weiter südlich ihren Namen tragen. Haast war der erste Europäer, der den Gletscher erkundete, und es war damals unter Forschern üblich, geografische Entdeckungen nach bedeutenden Herrschern zu benennen - ganz unabhängig davon, ob diese je irgendeinen Einfluss auf die Region hatten. Auf Māori trägt der Gletscher den schöneren Namen Kā Roimata o Hine Hukatere - „die Tränen der Hine Hukatere”.
Leider ist der Hubschrauber (mittlerweile) auch quasi der einzige Weg, einen Fuß auf den Gletscher zu setzen, denn es gibt keinen Wanderweg mehr, auf welchem man ihn erreichen könnte. Und selbst wenn man den früheren Weg nach Beschädigungen durch den veränderten Lauf des Gletscherabflusses nicht gesperrt hätte - man müsste mittlerweile ein ganzes Stück weit wandern, um den Gletscher zu erreichen. Denn dieser hat sich über die letzten Jahrzehne immer weiter zurückgezogen. So müssen wir uns also mit einem Aussichtspunkt in etwa 3 km Entfernung begnügen. Immerhin kann man auch von hier die Gletscherzunge gut in der Ferne erkennen.
Will man näher heran, so muss man den Helikopter nehmen. Schon ein wenig absurd, da ja insbesondere CO₂-intensive Fortbewegung nicht unerheblich zur Klimaerwärmung und damit dem Abschmelzen der Gletscher beiträgt.
Eine Infotafel stellt die Frage auf, ob der Gletscher 2100 womöglich so weit wie illustriert abgeschmolzen sein wird - wir würden jedoch sagen, dass wir diesen Zustand bereits im Jahr 2025 - und damit 75 Jahre früher als befürchtet - wenn nicht sogar bereits übertroffen.
Bei leichtem Nieselregen machen wir uns auf den Weg zurück zum Auto und nach Franz Josef. Leider gibt es hier nicht wirklich weitere Dinge zum Anschauen - und so machen wir uns auf zum Otto/MacDonalds Campground.
Hier angekommen hat sich der Nieselregen zu einem ordentlichen Regen gemausert und wir sind dankbar, dass es überdachte Picknicktische gibt, wo wir unser Essen zubereiten und verzehren können. Dergleichen ist in Neuseeland leider eher die Ausnahme als die Regel. Zwar gibt es viele vom Department of Conservation (DOC) betriebene Campingplätze, diese sind jedoch oft nur sehr rudimentär ausgestattet. Andererseits sind die Gebühren niedrig und letztlich braucht man eigentlich auch nur eine Toilette. Natürlich sind Frischwasser, Müllentsorgung, festinstallierte Tische und Bänke, Feuergruben etc. komfortabel - aber man kommt auch ohne aus.
Am nächsten Morgen regnet es leider immer noch. Aber ein Plan ist ein Plan (und bei Regen im Zelt oder Auto zu sitzen macht auch nur wenig Spaß) und so fahren wir Richtung Fox Glacier, um in der Ferne den gleichnamigen Gletscher sehen zu können. Allerdings ist die Sicht so schlecht, dass man den Gletscher nicht einmal erahnen kann.
Wir machen trotzdem eine Wanderung um den Lake Matheson, auch wenn wir nicht davon ausgehen, den “Postkartenblick” mit Spiegelung der schneebedeckten Gipfel im der glatten Oberfläche des Sees einfangen zu können.
Anschließend fahren wir weiter zum Parkplatz des Wanderwegs zum Glacier Viewpoint. Allerdings sparen wir uns die Wanderung - da wir starke Zweifel daran haben, den Gletscher von dort aus (hier rechts im Bild) wirklich sehen zu können und fahren stattdessen weiter.
Und das scheint die richtige Entscheidung gewesen zu sein, denn etwas weiter südlich, in der Bruce Bay, herrscht dann plötzlich wieder Sonnenschein mit blauem Himmel. Man sagt ja, dass das Wetter sowohl an der Küste als auch in den Bergen schnell umschlagen könne - und hier kommt dann wohl beides zusammen.
Im weiteren Verlauf der SH6 ragen die Ausläufer der Berge wieder bis direkt ans Meer und so bekommt man von der sich hinauf- und hinabschlängelnden Straße tolle Aussichten geboten. Zum Beispiel vom Knights Point Lookout.
Am Ship Creek gibt es einen Aussichtsturm, einen Plankenweg und einen schönen Strand - allerdings auch sehr viele Sandfliegen … Den Namen verdankt der Ort Überresten des Klipperschiffs Schomberg, das 1855 vor der Küste Victorias auf eine Sandbank gelaufen war — und dessen Wrackteile rund 2.000 km über die Tasmansee trieben, bis sie hier an Land gespült wurden.
Anschließend geht es über Haast (die Gegend hier ist so dünn besiedelt, dass eine Ansammlung von ein paar dutzend Häusern schon einen wichtigen Wegpunkt mit Landeplatz etc. darstellt) und den Haast Highway ins Landesinnere. Julius von Haast war ein preußischstämmiger Entdecker und Geologe, den es nach Neuseeland verschlagen hat und der von 1822 bis 1887 lebte. Schön zu sehen, dass Neuseeland nicht alleine von englischen Forschern entdeckt und erkundet wurde.
Die Straße führt durch ein breites Tal mit einem großen Flussbett. Auf dem Haast Highway stoppen wir bei den Depot Creek Falls, welche ein wenig in die Kategorie “Geheimtipp” fallen, denn sie sind einfach zu erreichen, schön anzuschauen und dennoch weder ausgeschildert noch auf Google Maps zu finden (aber eben in OpenStreetMap eingetragen 😉).
Weiter geht es zu den “bekannteren” Roaring Billy Falls.
Wir fahren noch ein Stück weiter am Haast River entlang, der sich sein Bett zwischen hohen Bergen gegraben hat, auf deren bewaldeten Flanken immer wieder Wasserfälle durch das dichte Grün schimmern.
Ein wenig später kommen wir dann beim Pleasant Flat Campground an - welche in schönster Natur am Haast River liegt. Leider macht die Natur nicht an den Grenzen des Campingplatzes halt und so werden wir leider binnen kürzester Zeit von unzähligen Sandfliegen genervt — da hilft leider nur, jede freie Hautstelle zu schützen. Das ist leider alles andere als “pleasant”.
Auch am nächsten Morgen werden wir so sehr von den Biestern genervt, dass wir unser Frühstück kurzerhand nach hinten verschieben. Das folgt dann im nächsten Blogartikel.