Tag 132 - 135: Nordinsel: Südwesten & Norden
Wir starten von unserem Campingplatz im Tongariro National Park und fahren über den Forgotten World Highway in Richtung der südwestlichen Küste. Der Forgotten World Highway führt uns durch schöne Schluchten, Wälder und über sanfte, grüne Hügel auf denen unzählige Schafe weiden. Heute stellt diese Verbindungsstraße keine allzubefahrene Route mehr dar und so wirken die Dörfchen eben alle etwas “vergessen”.
Eine kuriose Geschichte gibt es zu dem an der Strecke liegenden Dörfchen Whangamōmona zu erzählen. Im Rahmen von Verwaltungsreformen sollte das Gebiet einer anderen Region zugeschlagen werden - was den Einwohnern jedoch überhaupt nicht gefiel. Als Zeichen des Protests riefen sie daher am 1. November 1989 die “Republic of Whangamōmona” aus - und feiern diesen “Republic Day” auch weiterhin regelmäßig.
Am Ende des State Highway 43 erreichen wir die Gegend um den Mt Taranaki, den ikonischen, spitzkegelförmigen Stratovulkan, der der ganzen Region seinen Namen gegeben hat. Leider ist der Gipfel jedoch in den mittlerweile aufgezogenenen Wolken nicht zu sehen. Mit einer Höhe von 2518 m ist dieser prinzipiell sehr markant, da es keine anderen Berge in der Umgebung gibt und das Umland zumeist weniger als 200 m über dem Meeresspiegel liegt. Womöglich ist er auch deshalb der meistbestiegene Gipfel Neuseelands.
Wir beschränken uns hingegen darauf, den Vulkan zumindest teilweise auf dem Surf Highway zu umrunden und erreichen nachmittags New Plymouth von Süden her.
In New Plymouth spazieren wir durch den Pukekura Park und fahren zum East End Beach. Bei Ersterem handelt es sich um einen kleinen, aber schönen Stadtpark mit dem Ambiente eines botanischen Gartens. Hier erfahren wir, dass der bekannte Film The Last Samurai in der Taranaki-Region gefilmt wurde und einzelne Szenen aus eben diesem Park stammen.
Im Anschluss checken wir in unser Hotel ein und gönnen uns ein leckeres All-You-Can-Eat-Buffet - eine durchaus willkommene Abwechslung.
Am nächsten Morgen brechen wir früh auf, da wir für den Mittag Tickets für die Waitomo Glowworm Caves haben. Vorher möchten wir aber noch zu einem Aussichtspunkt am Lake Mangamahoe, von wo aus man einen schönen Blick auf den - heute wolkenfreien - Mt Taranaki hat.
Auf dem Rückweg geschieht dann das Unglück: Wir werden auf einem schmalen Schotterstraßenstück von einem entgegenkommenden Auto abgedrängt und kommen mit der linken Seite des Wagens über die Straßenkante - hinter der es sehr steil die Wiese zum See hinabgeht. Nun stecken wir also in einer leichten Schräglage fest und auch Allrad kann uns nicht aus dieser misslichen Lage befreien, denn wir sitzen ein wenig auf.
Unsere Versuche, wieder auf die Straße zu kommen bewirken leider eher das Gegenteil - und da wir tunlichst vermeiden wollen, im Wasser zu landen, entschließen wir uns Hilfe zu holen. Zum Glück sind in der Nähe Straßenbauarbeiter beschäftigt und nach kurzer Schilderung unseres Problems schaut man sich das Dilemma an. Nach kurzer Überlegung wird unser Auto vorne und hinten “angeleint” und dann mithilfe zweier Pickups zurück auf die Straße bugsiert. Ein Pickup, um uns zu ziehen, ein zweiter um zu verhindern, dass das Heck des Autos abrutscht. Das funktioniert wunderbar: kurz darauf steht unser Mietwagen unbeschadet wieder mit allen vier Rädern auf der Straße. Wir haben also großes Glück gehabt, dass wir so schnell kompetente Hilfe bekommen haben und nichts Schlimmeres passiert ist, nehmen aber dennoch für uns mit, sich nicht mehr über Straßenkanten hinaus abdrängen zu lassen, sofern nicht klar erkennbar ist, dass es danach nicht direkt bergab geht.
Leider sind wir mittlerweile - es war bereits vor diesem Zwischenfall alles etwas knapp kalkuliert - sehr spät dran für die Besichtigung der Höhlen, bekommen aber am Telefon zum Glück die Auskunft, dass wir auch auf eine spätere Führung ausweichen können. Nach längerer Fahrt erreichen wir schließlich die Waitomo Caves und es gibt keine weiteren Probleme.
Die Führung beginnt in den Kalksteinhöhlen, bevor es zum eigentlichen Highlight der Tour geht: der Fahrt mit einem Boot über einen unterirdischen Fluss. Die Besonderheit: Über dem Fluss sehen wir unzählige Glühwürmchen an der Decke. Diese Glühwürmchen benötigen Feuchtigkeit zum Leben und kleben sich daher an die Höhlendecke, von wo aus sie Fäden mit Neurotoxinen hinabbaumeln lassen, um Insekten für den späteren Verzehr zu fangen - welche sie durch ihr Leuchten anzulocken versuchen. Unsere Führerin erzählt uns, dass die Glühwürmchen nur im Zwischenstadium für ein paar Monate aufgrund von Biolumineszenz glühen, danach fangen sie an sich zu verpuppen. Als Erwachsene leben sie dann nur noch mehrere Tage, da sie während ihres Wandels ihr Verdauungssystem einbüßen. Viel Zeit für die Fortpflanzung bleibt ihnen also nicht.
Die Würmchen an sich sind definitiv beeindruckend, die Höhle schön und die Führung interessant - allerdings hinterlassen die happigen Preise, der durchgetaktete Strom an Touristen sowie ein Fotografieverbot in der Höhle einen gewissen Beigeschmack. Später auf unserer Reise werden wir noch in einer anderen, frei zugänglichen Höhle ähnliche Insekten sehen (und fotografieren) - unsere Empfehlung wäre an dieser Stelle also auf die Waitomo Caves zu verzichten und stattdessen die Waipu Cave zu besuchen.
Zurück am Auto und einem Mittagessen in einer nahegelegenen Stadt fahren wir weiter nach Hamilton. Hamilton liegt recht zentral auf der Nordinsel und auf unserem Weg zurück Richtung Auckland. Mit knapp 200.000 Einwohnern ist sie Neuseelands viertgrößte Stadt. Hier befinden sich die Hamilton Gardens, ein großer botanischer Park, dessen Besonderheit die “Enclosed Gardens” sind. Die Enclosed Gardens sind kleinere, durch Mauern oder Hecken abgetrennte, Gärten, die unterschiedlichen Themen gewidmet sind. Die Gärten versuchen über 4000 Jahre Landschaftsgestaltung aus den verschiedensten Teilen der Welt abzubilden: China, Japan, Indien, Ägypten, mitteleuropäische Renaissancegärten. Weiterhin gibt es “Fantasiegärten” wie den “Surrealistengarten”. Eine tolle Idee, die mit einer vielzahl unterschiedlicher Gestaltungsmöglichkeiten spielt und einem gleichzeitig die jeweilige Kultur und Epoche näher bringt. Haben wir ja nun - alleine auf dieser Reise - schon einige Gärten besucht, so haben wir einen solchen bisher noch nie erlebt.
Abends fahren wir noch weiter nach Auckland, wo wir am Stadtrand ein Motel gebucht haben. Der geneigte Leser wird sich erinnern, dass wir in Auckland schon mehrere Nächte verbracht und einiges gesehen haben - daher geht es uns nun auch lediglich um einen Stopp auf dem Weg in den hohen Norden der Nordinsel und nicht um Auckland selbst.
Die letzten zwei Tage auf der Nordinsel steht die Region Northland auf unserem Programm.
Wir fahren zu den geschichtsträchtigen Waitangi Treaty Grounds, wo 1840 die Verträge von Waitangi unterschrieben wurden. Die Verträge sollten die Rechte der maorischen Bevölkerung sicherstellen bzw. die Stellung Neuseelands im Britischen Empire als Kolonie festhalten. Hierfür sollten die Maorihäuptlinge sich der britischen Krone unterordnen, im Gegenzug aber auch durch diese (vor der Willkür und Landnahme durch die britischen Siedler) geschützt werden. Allerdings wich die Maori-Version des Vertrags an entscheidenden Stellen erheblich von der englischen Fassung ab, auch weil in dieser Konzepte verwendet werden, die den Maori unbekannt waren. Diese Stellen führten entsprechend zu sehr unterschiedlichen Auslegungen des Vertrages auf Seite der Krone und der Maori. Ob diese absichtlich dergestalt übersetzt wurden oder ob es sich einfach um mangelnde (Sprach-)kenntnis handelte, ist dabei nicht geklärt. Fest steht jedoch, dass die Häuptlinge eine “bessere” Übersetzung, die den implizierten Souveränitätsverlust klargemacht hätte, vermutlich niemals unterschrieben hätten. Weiterhin hat auch nur ein Teil der Clanführer überhaupt die eine oder andere Version des Vertrages unterzeichnet - solche Feinheiten scherten die britische Krone und die Siedler jedoch nicht sonderlich bei der Durchsetzung ihrer Interessen. Und so kann man rückblickend sicher sagen, dass die Maori hier über den Tisch gezogen wurden.
Ebenfalls wurde hier 1935 die Unabhängigkeitserklärung verfasst, welche Neuseeland zu einem eigenständigen Staat (im Commonwealth of Nations) erklärte - einer konstitutionellen Monarchie, mit dem jeweiligen britischen Monarchen als Königin oder König von Neuseeland.
Neben einer Führung über das Gelände mit historischen Gebäuden bekommen wir auch eine maorische Tanz- und Gesangsaufführung im Te Whare Rūnanga (Versammlungshaus der Maori) geboten. Nun sehen wir also auch einmal einen Haka, einen rituellen Tanz - nicht notwendigerweise ein Kriegstanz - der Maori.
Auf dem Gelände befindet sich ebenfalls ein großes Kanu aus Kauriholz, welches bei einer Länge von fast 36 m Platz für 80 Ruderer und 55 Passagiere bietet und noch immer zu Festanlässen genutzt wird. Es wurde 1940 zum hundertsten Jahrestages des Abkommens gebaut, ist das größte Kanu Neuseelands und bis 2006 war es auch das größte der Welt.
Von hier aus geht es wieder Richtung Süden entlang der Bay of Islands zu den beeindruckenden Whangārei Falls und schließlich bis zum Uretiti Campground.
Am nächsten Morgen besichtigen wir Waipu, eine kleine Gemeinde mit schottischen Wurzeln, auf welche man offensichtlich stolz ist. Hier werden jedes Jahr die Highland Games ausgetragen und natürlich darf ein Besuch unsererseits alleine schon wegen des Namens nicht fehlen - arbeitet Florian doch schließlich an waipu.tv.
In der nahegelegenen Waipu Cave bekommen wir also nochmal die Möglichkeit Glühwürmchen zu sehen - und dürfen diese diesmal auch in aller Ruhe fotografieren. Die frei zugängliche Höhle lädt außerdem zum Erkunden ein, vorausgesetzt man hat das richtige Wasserschuhwerk, eine gute Lampe und kein Problem damit durch knietiefes Wasser zu waten und neigt nicht zur Klaustrophobie.
In den Außenbezirken von Auckland stoppen wir noch beim Kauri Glen Reserve. Hier können wir endlich die berühmten Kauribäume aus der Nähe - und dank des Tree-Top-Walks sogar auf “Augenhöhe” - sehen. Ganz schön beeindruckende Gesellen - nur schade für sie, dass ihr Holz so viele vorteilhafte Eigenschaften aufweist und sich daher über die Jahrzehnte bei Holzfällern großer Beliebtheit erfreut hat.
Nachmittags heißt es dann Abschied nehmen von der Nordinsel, da wir auf die Südinsel nach Christchurch fliegen, wo wir unsere Neuseelandreise fortsetzen werden.