Tag 20 - 21: Bears Ears, Natural Bridges & Kane Gulch

Aufwachen am Muley Point: Nach einer Nacht im Zelt und “am Abgrund” sind es am Morgen nur wenige Schritte bis zu einem grandiosen Ausblick.

Vom Muley Point, wo wir auf Public Land übernachtet haben, genießt man ein beeindruckendes, mehrstufiges Panorama: Wir stehen auf dem Plateau der Cedar Mesa, circa 250 m bis 300 m unter uns befindet sich die Ebene, in der sich die Siedlung Mexican Hat befindet und von der wir gestern nach dem Besuch des Monument Valley hier hinauf gefahren sind. Nochmal circa 300 m tiefer, am Grund des von ihm geschaffenen Canyons, fließt der San Juan River - welchen man jedoch aufgrund der geringen Breite und großen Tiefe des Canyons von hier oben kaum sehen kann. Und dazwischen noch die unzähligen Stufen der verschiedenen Sandsteinschichten. Diese sind übrigens auch die Ursache, dass man hier in relativer Nähe zueinander ganz verschiedene Arten von Gestein und Felsformationen sieht, denn je nachdem wie viel der oberen Schichten an den unterschiedlichen Orten abgetragen wurde, liegt eine andere Schicht mit anderen Eigenschaften an der Oberfläche.

Heute haben wir wieder etwas Ausgefallenes vor: mit dem Zelt wollen wir in einen Canyon hineinwandern, dort übernachten und erst am nächsten Tag zurückkehren. Den Permit dafür haben wir bereits im Vorhinein organisiert, wir müssen uns heute nur noch in der Kane Gulch Ranger Station anmelden. Da diese nur bis zum Mittag geöffnet hat, schieben wir dies als Zwischenstopp auf dem Weg zum Natural Bridges National Monument ein. Nachdem der Papierkram erledigt ist, steht dem Abenteuer nichts mehr im Wege - aber erstmal geht es nun weiter zu den “Natürlichen Brücken”.

Auch wenn Natural Bridges als National Monument in der Hackordnung der Sehenswürdigkeiten unter den National Parks rangiert, so empfinden wir den Besuch dennoch als äußerst lohnend. Auf vergleichsweise kleiner Fläche bekommt man hier, immer in direkter Nähe zum Auto-Rundkurs, wirklich viel Beeindruckendes von der Natur geboten.

Die schlangenförmigen Canyons sind einfach beeindruckend.

Bei zwei besonders beeindruckenden Exemplaren machen wir kleine Wanderungen, um sie genauer anzuschauen. Besonders gut gefallen hat uns die 53 m hohe, 9,5 m breite und unglaubliche 82 m überspannende Sipapu Bridge - die größte und wohl spektakulärste der drei Brücken des Parks. Die Zahlen stammen vom National Park Service.

In der rechten Hälfte des Bildes kann man die Sipapu Bridge bereits sehen.

Die Wege führen direkt unter die Bögen - und dort, den Fels hoch über dem Kopf (im Falle der Sipapu Bridge ganze 16 m Gestein), üben sie eine besondere Faszination aus. Ein wenig unheimlich ist das aber durchaus auch. Tatsächlich ist es nicht ganz korrekt hier von “Bögen”/“Arches” zu sprechen - denn damit sind eigentlich frei stehende Felsformationen gemeint, die anders als Brücken/Bridges, nicht durch fließendes Wasser, sondern durch andere Spielarten der Erosion geschaffen wurden. Die Ureinwohner der Gegend nannten sie “mah-vah-talk-tump”, was sich wohl mit der bildlichen Umschreibung “unter des Pferdes Bauch” übersetzen lässt - ein schönes Beispiel dafür, dass eine Beschreibung von etwas Neuem immer auch von dem bereits Bekannten beeinflusst wird.

Die Felsen sind so gigantisch, dass die vier Menschen im Bild im Vergleich winzig erscheinen.
Die Sipapu-Bridge aus der Nähe.

Mit dem Auto geht es ein paar Hundert Meter auf dem Rundkurs weiter, bevor wir am nächsten Aussichtspunkt stoppen. Nach einem kurzen Fußweg sieht man in der Ferne die überreste einer historischen Siedlung der vormals hier ansässigen, sogenannten Pueblo-Kultur. Diesbezüglich werden wir morgen einen noch besseren Einblick bekommen und mehr lernen.

Blick in den Canyon, rechts unten in der Ferne kann man die Horsecollar Ruins sehen bzw. erahnen.

Ein paar Meter weiter dann die zweite Brücke: die Kachina Bridge. Hier sparen wir uns allerdings den Weg nach unten und begnügen uns mit dem Ausblick von oben und unterhalten uns stattdessen lieber ausdauernd über Reiserouten und Fotografie mit einem Paar aus North Dakota, das mit den hochbetagten Eltern im Camper unterwegs ist. Es stellt sich heraus, dass der ältere Herr wohl auch ein wenig Deutsch spricht - von dem rezitierten Gedicht haben wir aber nicht wirklich viel verstanden. Auch wenn wir, um der Höflichkeit und Völkerverständigung Genüge zu tun, natürlich eher den Eindruck absoluter Begeisterung erweckt haben.

Die Kachina-Bridge in der Mitte des Bildes. Nicht ganz so beeindruckend wie die vorherige Brücke, trotzdem toll.

Weiter geht es zur dritten und somit letzten Brücke im National Monument: Owachomo Bridge. Hier fällt auf, dass die Brücke - anders als die beiden vorherigen – nicht unten im Canyon, sondern auf halbem Weg dorthin steht. Gut für uns - denn so müssen wir nicht allzu weit hinabsteigen. 😉

Owachomo-Bridge, die dritte der drei Brücken im Natural Bridges National Monument.
Gegen Ende des Rundkurses, kurz bevor wir den Park verlassen, bietet sich nochmal ein toller Ausblick auf die beiden Buttes, die wie Ohren eines Bären aussehen sollen und namensgebend für die Gegend von Bears Ears sind.

Wir fahren nun wieder zurück zur Kane Gulch Ranger Station, packen unsere Rucksäcke für die Nacht in der Natur und machen uns auf den Weg in den Canyon. Hierfür ist, ähnlich wie im Joshua Tree National Park, eine Erlaubnis notwendig. Diese scheint allerdings vorrangig dem Zweck zu dienen, Wanderern ein paar Regeln zu erklären und im Notfall grob über deren Verbleib informiert zu sein. Außer, dass beim Campen ein Abstand zu Bächen zu beachten, kein kulturelles Erbe zu beschädigen und sein Unrat wieder mitzunehmen ist besagen sie nicht viel. Einen vorgegebenen Platz zum Zelten gibt es nicht, man darf sich in den Seitencanyons ein schönes Fleckchen suchen - und genau das machen wir.

Wir starten unsere Wanderung also am Parkplatz der Ranger Station und folgen auf dem Grand Gulch Trail/Kane Gulch Trail dem Kane Gulch-Bach. Fließt dieser zu Anfang noch auf dem Plateau der Cedar Mesa, so gräbt er sich recht schnell in diese ein und hat sich so über viele, viele Jahre “seinen” Canyon geschaffen.

Sich für einen Platz zum Zelten zu entscheiden ist gar nicht so einfach - weil man nie weiß, was nach der nächsten Kurve des Canyons noch kommt. Dann finden wir jedoch einen schönen Ort, der wie gemacht für ein Zelt ist und sicher nicht das erste Mal von Wanderern genutzt wird. Hier schlagen wir also unser Lager auf und schmeißen den Campingkocher an.

Am nächsten Tag wandern wir noch tiefer in den Canyon hinein, bis der Kane Gulch schließlich in den Grand Gulch mündet. Diesem folgen wir dann noch ein Stück, bevor wir schließlich umdrehen, um nicht erst gegen Abend zurück am Auto anzukommen. Mit mehr Zeit könnte man diesem Canyon noch sehr lange folgen.

Guten Morgen, Kane Gulch!

Unterwegs stoßen wir noch auf Reste alter Siedlungen von Pueblo-Indianern. “Pueblo” ist dabei kein Volk oder Stamm, sondern zielt auf die sesshafte, dörfliche Lebensart in Häusern ab. Der Begriff der Pueblo-Kultur fasst daher viele Völker (wie die hiesigen Hopi) zusammen, die alle eine bestimmte zeitliche Epoche und Siedlungsform gemein hatten. Die früheren Bewohner dieses Dörfchens haben sich also hauptsächlich vom landwirtschaftlichen Anbau von Gemüse, wie Kürbis und Bohnen, und dem Sammeln von Früchten ernährt - und nicht wie andere indigene Völker von der Jagd. Auch wenn letzteres vermutlich eher dem Bild entspräche, das Bücher und Filme von den Indianern gezeichnet haben.

Laut Infoblatt lassen sich Belege dafür finden, dass hier in diesen Canyons seit vorchristlicher Zeit bis zu 1350 Menschen in, unter Felsüberhängen gebauten, Häusern gewohnt haben. Bereits gestern im Natural Bridges National Monument haben wir solche Siedlungsreste gesehen - allerdings in deutlich geringerem Ausmaß und nur aus großer Entfernung. Wir fühlen uns fast wie Indiana Jones als wir diese, nicht auf unseren Karten verzeichneten, Überreste früherer Kulturen entdecken und bestaunen. Nicht auf Karten eingetragen sind die Stellen wohl deshalb, um sie zumindest ein wenig vor Plünderung und Vandalismus zu schützen. Tatsächlich scheint ersteres hier ein größeres Problem zu sein - zumindest stolpern wir später bei Wikipedia darüber, dass das FBI wohl schon einige Plünderer ins Gefängnis gebracht hat. Ob dieser Plan in Zeiten von GPS und Internet jedoch noch aufgeht, ist sicher fraglich. Die Bauten sind, bedenkt man ihr Alter und die einfachen Materialien, wirklich erstaunlich gut erhalten - was sicher auch daran liegt, dass ihre Erbauer es hervorragend verstanden haben, den natürliche Fels als Schutz gegen die Witterung einzusetzen. Die “Hütten” schmiegen sich teils so an den Fels an, dass dieser gleichzeitig Rückwand und Dach bildet. Besonders beeindruckend aber ist, dass sich die Siedlung auf drei Ebenen verteilt. Die oberen sind jedoch nicht (mehr) ohne weiteres zugänglich; wir zumindest sehen keine Möglichkeit, sie ohne Klettern zu erreichen und so begnügen wir uns mit der Ansicht von unten.

Die Ruinen der Pueblo-Kultur haben sich hier im Canyon über Jahrhunderte gehalten - sicher auch wegen ihrer geschützten Lage unter dem Fels.

Nun begegnen wir seit langem auch mal wieder anderen Wanderern, nachdem wir gestern das Gefühl hatten, allein im Kane Gulch zu sein. Obwohl man meinen sollte, dass der Canyon den Weg recht eindeutig vorgibt, so ist er teils doch schwer auszumachen und nach einem verpassten Abzweig müssen wir uns - eben ganz wie Indiana Jones - einen Weg zwischen und über große Felsbrocken suchen. Schließlich finden wir natürlich aber unseren Weg zurück zum Auto. 😉

Wir fahren nun über die UT95 Richtung Blanding. Die grandiose und als Teil des National Scenic Byways Programs (weniger befahrene Straßen, die sich mehr durch kulturelle oder landschaftliche Aspekte auszeichnen als durch verkehrstechnische Bedeutung) ausgeschilderte Straße führt einmal quer durch das Bears Ears National Monument, in dessen Gebiet wir bereits seit gestern unterwegs sind. Die Strecke gehört definitiv zu den schönsten dieser, an schönen Strecken nicht gerade armen, Reise.

Was aber hat es nun eigentlich mit den “Ohren des Bären” (“Bears Ears”) auf sich? Eine Felsformation mit zwei Gipfeln, die mit etwas Fantasie eine Ähnlichkeit mit den Ohren eines Bären aufweisen, sind hier namensgebend gewesen. Um diesen Bären ranken sich Mythen der lokalen Indianerstämme und daher hat das Gebiet für deren Nachfahren auch heute noch einen besonderen Wert. Später erzählt man uns, dass die Gegend nicht nur eine lange, sondern auch eine recht aktuelle Geschichte hat: so hat Obama 2016 das Gebiet zum National Monument erklärt, Trump die Fläche des Gebietes 2017 um 85 % verkleinern lassen - sehr zur Freude von Firmen, die es auf die Förderung von Erdöl und den Abbau von Uranerz abgesehen hatten. Der vorerst letzte Akt war dann 2021 die Wiederherstellung der alten Ausmaße mit einer kleinen Erweiterung durch Biden. Klagen des States Utah und von Bergbaufirmen blieben ohne Erfolg und so bleibt zu hoffen, dass dieses schöne Stück Landschaft noch lange in seiner ursprünglichen Form erhalten bleibt.

Gegen Nachmittag kommen wir schließlich in dem Städtchen Blanding an, dass mit weniger als 3500 Einwohnern dennoch die größte “Stadt” des Counties ist und sogar über einen Campus der Utah State University verfügt. Im Museum des Edge of the Cedars State Park lernen wir noch etwas über die indianischen Traditionen und Wurzeln der Gegend sowie über deren Art Häuser zu bauen. In Erinnerung bleibt vor allem der Nachbau einer “Kiva”, eines typischen unterirdischen (Versammlungs-)Raumes der Pueblo Ureinwohner. Die Konstruktion ist einfach, dennoch clever: dadurch, dass der Raum sich (teilweise) in der Erde befindet und von oben über eine Leiter betreten wird, braucht es keine Wände. Im Sommer bleibt es kühl, im Winter warm. Für die Zufuhr von frischer Luft sorgt ein Belüftungsschaft mit Öffnung im Boden, der bei aufsteigender, verbrauchter Luft frische nachzieht.

Bears Ears mit dem Natural Bridges National Monument gehört eher nicht zu den klassischen Zielen einer Utah-Rundreise und wird vermutlich oft, vom Monument Valley kommend, im wahrsten Sinne links liegen gelassen. Sofern es der Zeitplan zulässt, würden wir den Umweg allerdings auf jeden Fall empfehlen.